Einfach einsteigen - dauerhaft dranbleiben!

Kommunen sind eine ideale Handlungsebene

Die Entwicklung der biologischen Vielfalt in Bayern ist eng mit der Entwicklung der Kulturlandschaft verknüpft. Eine Vielzahl an Lebewesen ist von der Art und Weise abhängig, wie Landschaft bewirtschaftet oder gestaltet wird.

Die kommunalen Möglichkeiten, Arten und Lebensräume sowie die genetische Vielfalt zu stärken, erfordern daher zumeist aktives, wiederkehrendes Entscheiden und Handeln. Einfache Beispiele sind die extensive Grünflächenpflege, der ökologische Gewässerunterhalt, die Sicherung von Biotopbäumen oder ein jährliches Fest auf der Streuobstwiese.

Langfristiger, wirksamer Biodiversitätsschutz benötigt eine starke Verankerung im kommunalen Bewusstsein sowie dauerhaften Ressourceneinsatz. Dabei ist Zeit beziehungsweise Personal der entscheidende Faktor, denn zahlreiche Maßnahmen können ohne Mehrkosten oder nur mit geringem finanziellen Aufwand durchgeführt werden.

Ein einfacher Einstieg mit Überzeugung lässt sich kontinuierlich zu einem umfassenden Engagement ausbauen.

Vier "V" für Ihre Überzeugung

Verlust

Es gibt positive Entwicklungen im Arten- und Biotopschutz. Biber, Weißstorch und Wildkatze sind drei Beispiele, die eine Trendwende erfuhren. Zunehmende Bestände und Verbreitungsgebiete sind in der heimischen Flora und Fauna allerdings die Ausnahme. Für zahlreiche spezialisierte Arten, aber auch weit verbreitete Arten (z.B. Feldhase und Mehlschwalbe) weisen die Roten Listen sowie zahlreiche wissenschaftliche Studien rückläufige Bestände und zunehmende Gefährdung aus. So gelten circa 30 % der in den Roten Listen erfassten Arten als bestandsgefährdet.
(Quellen: Bundesamt für Naturschutz und Faktencheck Artenvielfalt)

Bei den 863 Biotoptypen, die für Deutschland in der Roten Liste geführt werden, zeigt sich ein ähnliches Bild. Nur circa 3 % der Lebensräume entwickeln sich positiv, wohingegen sich der Zustand von circa 41 % der Biotope verschlechtert. Die Sicherung der Artenvielfalt führt entsprechend über Schutz, Wiederherstellung und Vernetzung ihrer Lebensräume.
(Quelle: Bundesamt für Naturschutz)

Die Natur ist der elementare Lebensraum des Menschen. Sie liefert alle notwendigen Lebensgrundlagen. Daher ist es notwendig, dem fortschreitenden Verlust der biologischen Vielfalt entgegenzuwirken.


Verantwortung

Es gibt gute Gründe, Verantwortung für den Erhalt der Biodiversität zu übernehmen.

  • Nutzen – der Mensch profitiert von den Leistungen der Natur
  • Beziehung – der Mensch steht in einer emotionalen Verbindung zur Natur
  • Gerechtigkeit – Naturschutz wahrt die Rechte benachteiligter Menschen und zukünftiger Generationen
  • Eigenwert – Anerkennung eines eigenen Wertes nicht-menschlicher Lebewesen

Solche Werte und Normen ermöglichen Begründungen für die Übernahme politischer Verantwortung. Dass politische Entscheidungen für die biologische Vielfalt in der Bevölkerung Rückhalt finden, darauf weisen Ergebnisse der regelmäßig wiederholten Naturbewusstseinsstudie des Bundesumweltministeriums sowie des Bundesamtes für Naturschutz hin - weitere Informationen: https://www.bfn.de/naturbewusstsein.


Verzinsung

Biodiversitätsschutz zahlt sich aus! Der Einsatz für die Arten- und Lebensraumvielfalt bringt gesellschaftlichen Nutzen - global bis lokal. Ein Begriff, der in diesem Zusammenhang häufig verwendet wird, ist Ökosystemleistung (alt.: Ökosystemdienstleistung). Einige Beispiele für materielle und immaterielle Nutzeneffekte, die mit der Biodiversität in Verbindung stehen, sind:

  • Sauerstoff
  • Trinkwasser
  • Nahrungsmittel
  • Rohstoffe
  • Vorbild für technische Innovationen
  • Erholung und Freizeitnutzung
  • Inspiration für Kunst und Kultur

Nur eine intakte Natur kann dem Menschen diese Leistungen kostenlos zur Verfügung stellen. Mit dem fortschreitenden Rückgang der biologischen Vielfalt gehen Ökosystemleistungen zurück. Die Verluste sind technisch nur sehr aufwändig oder nicht zu kompensieren.

Einen guten Überblick zu diesem Thema gibt das Projekt „Naturkapital Deutschland – TEEB DE“, dessen Webseite Sie über folgenden Link erreichen: https://www.ufz.de/teebde


Verknüpfung

Zahlreiche Entwicklungs- und Zukunftsthemen der kommunalen Ebene sind direkt oder indirekt mit der biologischen Vielfalt verknüpft. 

  • Klimawandel und Klimawandelanpassung
  • Erneuerbare Energien
  • Trinkwasserversorgung
  • Landwirtschaft und Nahrungsmittelsicherheit
  • Forstwirtschaft
  • Flächennutzung für Infrastruktur und Siedlungsentwicklung

Integrierende Ansätze nutzen positive Verknüpfungen und lösen konfliktäre Ziele bestmöglich auf. In einigen dieser Handlungsfelder können Kommunen direkt wirksam werden. In anderen können sie durch Vorbildwirkung und Aufklärung indirekt zu Veränderungen beitragen. So oder so sind die kommunalen Einflussmöglichkeiten und ihr Wirkungskreis für einen verstärkten Schutz der Biodiversität groß.

Drei "E" für Ihren Einstieg

Eigene Flächen

Auf Flächen im Eigentum der öffentlichen Hand räumen die Naturschutzgesetze von Bund und Freistaat dem Schutz der biologischen Vielfalt einen besonderen Stellenwert ein. 

  • Bei der Bewirtschaftung von Grundflächen im Eigentum oder Besitz der öffentlichen Hand sollen die Ziele des Naturschutzes und der Landschaftspflege in besonderer Weise berücksichtigt werden. (§ 2 Abs. 4 BNatSchG)
  • Staat, Gemeinden, Landkreise, Bezirke und sonstige juristische Personen des öffentlichen Rechts sind verpflichtet, ihre Grundstücke im Sinn der Ziele und Grundsätze des Naturschutzes und der Landschaftspflege zu bewirtschaften. (Art. 1 S. 2 BayNatSchG)

Doch auch ohne rechtliche Verpflichtung ist es naheliegend, auf kommunalen Eigentumsflächen zu beginnen. Der direkte Zugriff ermöglicht zeitnahe, effiziente Maßnahmenumsetzungen und mit beispielgebenden Initiativen können Kommunen ihre Bürgerinnen und Bürger zum Mitmachen anregen. Bayerische Gemeinden, Märkte und Städte verfügen hierfür über hohes Flächenpotenzial:


Eigene Mittel

Es erleichtert den Einstieg in den kommunalen Biodiversitätsschutz, wenn erste Maßnahmen möglichst im Rahmen der eigenen Möglichkeiten (Personal, Maschinen, Finanzmittel) umgesetzt werden. So lässt sich der Organisationsaufwand begrenzen und die Umsetzungseffizienz erhöhen.

Innerhalb einer Kommune verfügen der Bauhof, die Gebäudeverwaltung und das Bauamt über Möglichkeiten, den Biodiversitätsschutz bei Standardaufgaben zu integrieren und gezielt einfache Maßnahmen umzusetzen (s.u.). Darüber hinaus bieten sich Kooperationen mit etablierten Partnern sowie erfahrenen Maßnahmenträgern an - zum Beispiel Landschaftspflegeeinrichtungen (Landschaftspflegeverbände und Naturparke), Naturschutzverbände, Wasserzweckverbände, externe Dienstleister in der Grünpflege sowie den Kommunalwald betreuende Försterinnen und Förster.

Die maschinelle Ausstattung vieler Kommunen ist (noch) nicht auf die extensive Grünflächenpflege ausgerichtet und die Anschaffung von entsprechenden Maschinen für insektenschonende Mahd sowie für die Aufnahme des Mähgutes ist zumeist mit erheblichen Kosten verbunden. Allerdings kann auch der flächendeckend verfügbare Schlegelmulcher zum Biodiversitätsschutz beitragen, indem man ihn seltener, bei geringerer Geschwindigkeit, abschnittsweise und mit größerer Arbeitshöhe (> 10 cm) nutzt. Entlang von Straßen können außerhalb des Sicherheitsbereichs (= eine Arbeitsbreite) einjährige unbearbeitete Insektenschutzzonen belassen werden, die als Rückzugsräume und Überwinterungsbereiche dienen. Im darauffolgenden Jahr wechseln die Bereiche, um einer Verbuschung vorzubeugen.

Zahlreiche einfache Maßnahmen des Biodiversititätsschutzes können kostenneutral oder mit geringen Kosten durchgeführt werden. Mit einem jährlichen Budget von 5.000 - 10.000 € lassen sich bereits deutliche Verbesserungen für die Lebensraum- und Artenvielfalt erzielen. Trotz einiger Fördermöglichkeiten wird zum Einstieg empfohlen, kleinere Maßnahmen zunächst eigenfinanziert durchzuführen, um die häufig knappen zeitlichen Ressourcen nicht in Antrags- und Abrechnungsverfahren aufzubrauchen. Eine Ausnahme stellen Maßnahmen in Kooperation mit Landschaftspflegeeinrichtungen dar, die neben der Umsetzung in der Regel auch die Förderabwicklung übernehmen.


Einfache Maßnahmen

Einfache, wirkungsvolle und sichtbare Maßnahmen zum Einstieg fördern die Motivation in Verwaltung und Bauhof, den Erfahrungsaufbau, die Vernetzung mit wichtigen Akteurinnen und Akteuren sowie die Akzeptanz in der Bürgerschaft.

Bauhof

  • Extensive Grünpflege auf nutzungsfreien Flächen inklusive Belassen von Altgrasbereichen als Überwinterungshabitate
  • Strukturanreicherungen auf geeigneten Flächen (z.B. Totholz, Steinriegel, Reisighaufen, offene Bodenstellen, Sandarien)
  • Insektenfreundliche Beete mit heimischen Stauden
  • Naturschutzfachliche Pflege von Bäumen und Hecken
  • Verzicht auf Düngemittel, Pestizide und torfhaltige Erden

Gebäudeverwaltung

  • Anbringen von Nisthilfen für Gebäudebrüter
  • Maßnahmen zur Vermeidung von Vogelschlag an Glasflächen
  • Reduktion der Lichtemissionen im Außenbereich

Bauamt

  • Überprüfung und Optimierung von Ökoflächen (= Ausgleichs-, Ersatz- und Ökokontomaßnahmen)
  • Berücksichtigung der Biodiversitätsbelange bei Auftragsvergaben (z.B. Baumschutz bei Baustellen, autochthones Saatgut für Begrünungsflächen, reduziertes Mulchen außerhalb des sicherheitsrelevanten Bereichs des Straßenbegleitgrüns)

Bewusstseinsbildung

  • Flankierende Öffentlichkeitsarbeit zu Maßnahmen (z.B. Presse, soziale Medien, Beschilderung)
  • Veranstaltungen über VHS (z.B. Führungen, Vorträge, Workshops)
  • Aktionen in Kindergärten und Schulen

Neben den Maßnahmen, die vollständig in Eigenleistung erbracht werden, bieten sich zum Einstieg auch kooperative Umsetzungen mit Landschaftspflegeeinrichtungen an. Mit ihrer Arten- und Biotopkenntnis finden die Mitarbeitenden für nahezu jede Fläche im Offenland biodiversitätsfördernde Ansätze. Ihr Netzwerk aus Landwirtinnen und Landwirten sowie landschaftspflegerisch tätigen Betrieben machen sie zu hochsteffizienten Umsetzern. Nicht zuletzt können in der Regel Förderungen über sie beantragt und abgewickelt werden. So bleibt der Aufwand für die Kommune überschaubar und die Maßnahme “einfach”.